Anti-Fake-News-Kampagnen sind Teil des Kampfes um die Deutungshoheit


Es ist immer wieder die gleiche Geschichte, die man dem Publikum auftischt: „Der Einfluss von Fake News kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Fake News beeinflussen unser Denken und können sogar Wahlen entscheiden. Zum Glück gibt es Vertreter großer Medien, die Fake News den Kampf angesagt und es sich zur Aufgabe gemacht haben, Mediennutzer davor zu bewahren, auf gezielt lancierte Falschmeldungen zur Manipulation der Öffentlichkeit hereinzufallen.“ Das klingt alles gut. Doch die Realität ist komplexer. Die „Anti-Fake-News-Kampagnen“, die seit geraumer Zeit zu beobachten sind, sind Bestandteil eines Kampfes um die Deutungshoheit. Bei der Auseinandersetzung mit Fake News geht es Medien auch darum, die eigenen Glaubensüberzeugungen zum Maßstab einer selbstdefinierten politischen Wirklichkeit zu machen. Von Marcus Klöckner.

Fake News hat es schon immer gegeben. Das ist gewiss eine banale Erkenntnis. Aber sie anzusprechen, ist angebracht. Wer sieht, wie Leitmedien das Thema Fake News groß machen, könnte schnell den Eindruck bekommen, als hätte man es hier mit einem völlig neuen Phänomen zu tun. Fake News, dieser Ausdruck, der bis vor kurzem im deutschsprachigen Raum noch unbekannt war, legt nahe, dass das, was er benennt, ebenso neu sein muss. Doch dieser Schluss wäre in etwa so, als würde man annehmen, French Fries wären etwas anderes, wenn man sie plötzlich zu Freedom Fries umtauft – so wie geschehen nach 9/11, als Frankreich sein Missfallen an dem völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak äußerte.

Kurzum: Fritten bleiben Fritten, Propaganda, Desinformation und absichtlich gestreute Gerüchte mit dem Ziel der Manipulation bleiben Propaganda, Desinformation und absichtlich gestreute Gerüchte – auch wenn man neuerdings lieber pauschal von Fake News hierzulande spricht.

Richtig ist: Durch das Internet als Medium, das es jedem erlaubt, selbst zum Sender zu werden, gibt es viele Möglichkeiten, Gerüchte und falsche Behauptungen in die Welt zu setzen. Das ist manchmal „nur“ ein Ärgernis, manchmal auch tatsächlich ein echtes Problem. Aber ist das Problem so groß, dass Medien extra eigene Redaktionen aufbauen müssen, die sich auf nichts anderes als „Fake News“ konzentrieren? An dieser Stelle schimmert das eigentliche Problem durch.

Wer sieht, wie jene Medien, die nach außen hin vorgeben, den Mediennutzer vor lancierten Gerüchten schützen zu wollen, bei ihrem Feldzug gegen Fake News vorgehen, kommt auf den Gedanken, dass unter dem Deckmantel journalistischer Aufklärung etwas ganz anderes abläuft. Zu beobachten sind Medien, die das „Phänomen“ Fake News als Feldzug gegen Manipulation, Desinformation, Gerüchte, Hass und üble Meinungsmache inszenieren und dabei selbst zu einem Player in einem „Spiel“ werden, das sich außerhalb jener Grenzen bewegt, die ein sauberer Journalismus einhalten sollte.

Der Reihe nach: Wer über Fake News redet, muss den Kontext im Auge behalten, in dem Medien derzeit agieren. Wohl noch nie zuvor haben Bürger in der Öffentlichkeit so massiv Medien kritisiert, wie es heute der Fall ist. Bereits eine einfache Auseinandersetzung mit diesen Vorwürfen zeigt: Die Medienkritik, die von nicht unerheblichen Teilen der Bevölkerung geteilt und geäußert wird, geht weit über eine oberflächliche Bemängelung der Berichterstattung hinaus. Die Medienkritik stößt bis zu den journalistischen Kernkompetenzen, wie etwa der Auswahl, Aufbereitung und Gewichtung von Nachrichten und Informationen vor. Wenn aus Sicht des Publikums Qualitätsmedien bei diesen Kernaufgaben einen schlechten Job leisten oder gar versagen, dann ist für diese Medien die Gefahr groß, dass sie ihren Status als Qualitätsmedien verlieren.

Anders gesagt: Diesen Publikationsorganen droht ein enormer Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust. Das scheinbar plötzliche Auftauchen von Fake News und die allzu auffällige hohe Motivation bestimmter Medien, mit viel Aufsehen öffentlich den Kampf gegen Gerüchte aufzunehmen, legt nahe: Die Anti-Fake-News-Kampagnen, die derzeit zu beobachten sind, dienen vor allem auch den heftig in der Kritik stehenden Medien selbst. Sie sind ein Mittel, mit dem versucht wird, den eigenen Glaubwürdigkeitsstatus wieder aufzubauen. Über Anti-Fake-News-Kampagnen machen Leitmedien deutlich, dass die Mediennutzer ihren scheinbar exklusiven Fähigkeiten bei der korrekten Bewertung von Nachrichten und Informationen vertrauen können und sollen.

Allerdings: Das Vorgehen gegen Fake News zeigt, dass hierbei gerade nicht immer „journalistische“ Objektivität handlungsleitend ist, sondern vielmehr diese als Deckmantel benutzt wird, um jenem Journalismus Vorschub zu leisten, den Mediennutzer kritisieren. Ein „Weltbild-Journalismus“, der mit reichlich Ideologie am Werke ist, beansprucht für sich ein Höchstmaß an Objektivität und verkennt dabei, dass er längst nicht das vertritt, was er nach außen hin kommuniziert.

Der Kampf gegen Fake News hat sich selbst als Glaubenskampf entlarvt, in dem es auch darum geht, die eigenen politischen Überzeugungen zum Maßstab einer politischen Wirklichkeit zu machen, die man selbst definieren möchte. Hinweise darauf, dass längst nicht immer nur die reine Objektivität der Maßstab aller Dinge ist, wenn es um Fake News geht, sind beispielsweise beim ARD-Faktenfinder zu finden.

Man denke nur an jenen Beitrag, der sich vorgeblich kritisch mit den angeblichen Giftgasangriffen in Syrien auseinandersetzt.
Da wird der Nahost-Experte Michael Lüders als Journalist und „Berater“ angeführt (unter anderem zu seiner „Beratertätigkeit“ hat sich Lüders im Interview mit den NachDenkSeiten geäußert), während Eliot Higgins (Internetplattform“ Bellincat) in den Olymp der Investigativjournalisten erhoben wird, aber ansonsten keinerlei kritische Würdigung erfährt.

Oder aber: Vor kurzem lieferte ein Radiosender unter der Überschrift „Schulen Gegen Fake News – Es gibt Handlungsbedarf“ einen Beitrag ab, der darauf aufmerksam macht, dass sich auch Schulen mit dem Phänomen der „gefälschten Nachrichten“ auseinandersetzen. Dabei heißt es, es sei auffällig, dass insbesondere junge Menschen Probleme damit haben, Fake News als solche zu identifizieren.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, bezieht Stellung und wird von dem Sender mit folgenden Worten zitiert:

„Im Geschichtsunterricht zum Beispiel: Da glauben viele Schüler, dass Kennedy einer Verschwörung zum Opfer gefallen sei. Wenn man fragt, woher sie das haben, wird auf Meldungen aus dem Internet oder Filme aus dem fiktiven Bereich verwiesen.“

Eine bemerkenswerte Aussage. Hier wird sich angemaßt, ein endgültiges Urteil darüber abgeben zu können, was in Sachen Mord an John F. Kennedy tatsächlich geschehen ist. Ein tiefer Glaube an die orthodoxe Wirklichkeit offenbart sich, der – wie so oft – getragen ist von dem Hang, das „Offizielle“, das „regierungsamtlich Abgesegnete“ zu übernehmen und als Wirklichkeit zu akzeptieren.

Und genau an der Stelle kommt das große Problem der Anti-Fake-News-Kampagnen zum Vorschein: Konträre Ansichten und Meinungen, konträre Vorstellungen von Wirklichkeit, werden nicht als Teil eines legitimen diskursiven Prozesses verstanden, bei dem es aufgrund der komplexen Umstände und Gemengelagen (wie etwa beim Kennedy-Mord) oftmals nicht möglich ist, eine abschließende Wahrheit festzuschreiben.

Vielmehr geht es darum, auf Basis der eigenen Überzeugungen festzulegen, was wahr und nicht wahr ist. Unliebsame Ansichten und heterodoxes Wissen werden bei der Kenntlichmachung „echter Fake News“ praktischerweise auch gleich mit einem Stempel versehen, um dieses als illegitim aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen.

Anders gesagt, die Anti-Fake-News-Kampagnen sind auch als eine Art Cover zu verstehen, unter dem Medien versuchen, ihre Weltanschauungen durchzusetzen. Dass Medien sensibel gegenüber „Fake News“ sind, ist im Grunde genommen eine Selbstverständlichkeit. Dass sie diese Selbstverständlichkeit zum Anlass einer großen Selbstinszenierung nehmen, lässt tief blicken.

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